Lebenslänglich. Freiheit verloren. Recht verloren.

191 VIII. Ende der Gefangenschaft 43. Grenzöffnung - Fahrten gen Westen Die Ereignisse im Herbst des Jahres 1989 erfüllten mich mit großer Freude und Genugtuung. Die Macht der SED brach Schritt für Schritt auseinander, der Weg für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten öffnete sich. Ich hoffte, mich nun bald sorglos bewegen zu können und nicht mehr fürchten zu müssen, während einer innenpolitischen Krise verhaftet zu werden, denn mir war be- kannt, dass ich von der Stasi in ihrer Vorbeugekartei für Festnahmen geführt wurde. Bis dahin waren Isolierungslager für Oppositionelle, politisch Verur- teilte und andere politisch Unzuverlässige. Es zeigte sich, dass die vorher so allmächtige Partei- und Staatsführung der DDR nicht mehr in der Lage war, diese Auflösungserscheinungen zu erkennen und zu verhindern. Trotz Massenflucht in die Botschaften feierte Honecker den 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 mit Fackelzug, Festveranstaltung und Militärparade, als ob ein Sieg errungen worden wäre. Aber es war bekannt, dass am 10. September alle Fluchtwilligen von Ungarn ausreisen durften und ab 30. September auch von Polen und der Tschechoslowakei. Es blieb auch nicht geheim, dass die Züge aus Prag bei der Fahrt durch Dres- den gestürmt wurden, weil Tausende diese Gelegenheit zur Ausreise nutzen wollten; nur ein massiver Einsatz der Polizei verhinderte das. In Leipzig ström- ten jeden Montag immer mehr Menschen zu den Friedensgebeten in die Niko- laikirche. Ich war zum Einkauf in der Messestadt und kann mich erinnern, dass wir am 2. Oktober 1989 beim Rückweg von der Mädlerpassage ins Hotel nicht durch die Innenstadt kamen; sie war weiträumig abgesperrt. Die Polizei ging gegen tausende Demonstranten vor, die Reformen und Reisefreiheit von der Regierung forderten. Der Kampfgruppenkommandeur Lutz erklärte am 6. Oktober in der „Leipziger Volkszeitung“ im Namen der Hundertschaft „Hans Geiffert“, dass die Bürger ihre Gebete in der Nikolaikirche verrichten könnten, dass aber gegen alle „gewis- senlosen Elemente, die kirchliche Gebäude missbrauchen, die Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen“ sind – „... wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!“ Das habe ich kopfschüttelnd gelesen; es blieb eine leere Drohung. Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf rief zu Gewaltlosigkeit und Geduld auf, wollte vermitteln, forderte den Dialog sowie einen Runden Tisch. Trotzdem ging die Polizei am 7. und 8. Oktober in Berlin brutal gegen friedliche De- monstranten vor. Von den Medien der Bundesrepublik ist darüber ausführlich berichtet worden - in Presse und Fernsehen der DDR war nur von „einzelnen

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