Lebenslänglich. Freiheit verloren. Recht verloren.

168 VII. Noch fünfundzwanzig Jahre DDR 37. Rückkehr ins Leben Der Wunsch, am Weihnachtsfest wieder daheim zu sein, bewegte jeden der Männer – ganz gleich, ob durch Freikauf, durch eine Amnestie oder durch die vorzeitige Strafaussetzung, nur frei sein wollten alle! Als deutliches Anzeichen für bevorstehende Entlassungen waren die häufigen ärztlichen Untersuchungen anzusehen. Ich wurde am 12. Dezember 1964 am späten Vormittag in die Sanitätszelle geholt und von einem Polizeioffizier im weißen Kittel flüchtig betrachtet. Ihm lag eine Karteikarte vor, auf der mein Name stand. Er machte kurze Eintragungen, ohne irgendwas zu sagen. Ich fragte mich, was das bedeuten sollte und fasste natürlich Hoffnung. Zwei Tage später erhielt ich auf eigentümliche Weise die Gewissheit darüber. Ein Schließer kam ins Büro. „ Sie haben Besuch, beeilen Sie sich! “ Ich folgte ihm in einen kleineren Raum, in dem ich noch nie Sprecherlaubnis hatte und war sehr verwundert. Meine Mutter hatte mir gesagt, dass sie in diesem Jahr nicht mehr käme – wer besuchte mich? Ich wurde von einem mir unbekannten Mann begrüßt, in mittleren Jahren, groß und wuchtig. Er erklärte, er käme direkt aus dem Schlepperwerk in Nordhausen, beauftragt von der Abteilung Inneres. „ Wir sind benachrichtigt worden, dass Sie in Kürze entlassen werden “, sagte er, „ und da wir Arbeitskräfte suchen, möchte ich mit Ihnen über Ihre Einstellung sprechen. Entsprechend Ihrer momentanen Tätigkeit werden Sie als Lohnsachbearbeiter übernommen .“ Mir kam die Situation unwirklich vor. Meine Entlassung stand bevor, doch schon ehe mir das bekannt war, wurde über mich verfügt. Ich bekam keine Möglichkeit, selbst etwas zu entscheiden. Ich musste zurück in meine Heimat- stadt Nordhausen – also in die DDR – und dort die Stelle antreten, die man mir jetzt anbot, musste weiter als Lohnsachbearbeiter tätig sein. Das musste ich in Kauf nehmen – das Wichtigste war jetzt, entlassen zu werden. Später würden sich bestimmt andere Möglichkeiten ergeben. Deshalb sagte ich meinem „Arbeitskräftelenker“, dass ich einverstanden bin. Er zeigte sich zufrieden, verabschiedete sich freundlich. Gleich zu Beginn des neuen Jahres solle ich mich unbedingt bei ihm in der Abteilung Arbeitsöko- nomie des Schlepperwerkes melden. Am nächsten Tag schloss ich meine lau- fenden Lohnrechnungen ab und machte mir nicht mehr viele Gedanken dar- über, wie das weitergehen würde. In meiner Vorstellung saß ich schon gar nicht mehr auf diesem Bürostuhl.

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