Lebenslänglich. Freiheit verloren. Recht verloren.

143 VI. Außergewöhnliche Hafterfahrungen 31. Brandenburger Sonette Unter den Büchern, die aus der Anstaltsbibliothek entliehen werden konnten, waren – wie in Waldheim – ältere Werke der Weltliteratur reichlich vorhan- den. Mehr durch Zufall bekam ich die Bände einer deutschen Gesamtausgabe von Shakespeare. Seine vielen Theaterstücke von „Romeo und Julia“ über „Hamlet“ bis zum „Sommernachtstraum“ habe ich meist nur überflogen. Diese Werke sind wohl vor allem für die Bühne bestimmt und ich fand besonders die Königsdramen als Lektüre wenig ansprechend. Dafür haben mich seine Vers- erzählungen „Venus und Adonis“ und „Die Schändung der Lucretia“ beein- druckt, sicherlich wegen der erotischen Spannung. Mein besonderes Interesse erweckten Shakespeares Sonette, weil sie die Sehn- sucht nach einer fernen oder nur vorgestellten geliebten Person in vielen Variati- onen zum Ausdruck bringen. Diese Stimmung schien mir auch den Gefühlen eines Gefangenen zu entsprechen, der lange Jahre abgetrennt von der Außenwelt sein Leben fristet; außerdem gefiel mir seine strenge Form. Die Sonette entstan- den schon im 13. Jahrhundert. In Florenz richtete Dante die Gedichte seiner Zu- neigung an die von ihm geliebte „Beatrice“ und der Poet Petrarca Jahrzehnte später in Venedig an seine „Laura“. Jedes Sonett besteht aus 14 Verszeilen, im- mer mit „fünf Füßen“. Shakespeare hat seine Sonette stets in dreimal vier und einmal zwei Zeilen gegliedert. Diese Gedichtsform ging mir nicht wieder aus dem Kopf. So kam es, dass ich - schlaflos im Bett liegend – manche Verszeilen, anders aneinanderfügte und selbst zu einem neuen Sonett ergänzte. Es gelang mir schließlich, die 14 Zeilen eines eigenen Sonetts zusammenzustellen, die ich dann in Gedanken wiederholte und verbesserte. Dabei wandte ich mich an eine er- träumte Gestalt, an ein schönes Wesen meiner Vorstellung. Es machte mir Freu- de, in Versen etwas auszudrücken, was ich nicht anders sagen konnte. Ich sprach nur mit Karl-Heinz darüber, von dem mir sein Interesse für Literatur bekannt war. Vortragen mochte ich ihm mein Sonett nicht, da hatte ich Hem- mungen. Deshalb fing ich an, mit einem Bleistiftstummel auf kleine Blätter zu schreiben, was mir einfiel. Einmal begonnen fuhr ich damit fort, weitere Sonet- te zu erdenken und schließlich auch schriftlich festzuhalten. Es war eigenartig; nachdem mir die Form geläufig war, fiel es mir leicht, im- mer neue Reime in Verse einzuordnen. Ich bekam eine schwache Ahnung davon, wie es möglich war, dass Shakespeare neben seinen vielen Dramen und Komödien noch 154 Sonette schreiben konnte. Da ich gelesen hatte, dass zu

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